Infrastruktururbanismus

Symposium Infrastruktururbanismus

04. – 05. Februar 2010
TU München

Moderne Hochleistungsinfrastrukturen produzieren an ihren Grenzen bzw. im Schatten ihrer eigenen Raumkonfiguration akzidentelle Räume. Es ist eine Art Schattenstadt, die neben Autobahnen, Bahnlinien, Hochstraßen, Pipelines, Leitungstrassen entsteht – urbaner Raum, der nicht eindeutig definiert und selten geplant ist. Dort, wo Autostellflächen, Müllplätze, Abstandsflächen entstehen, verschwendet sich Stadt in ungezähltem Maß. Dieser „Abfall“ erhält selten einen eigenen Namen oder eine Adresse: Unter Brücken. Am Parkplatz. An der Bahnlinie. Hinterm Stadion. An der Kläranlage. Ortsbeschreibungen, die überall zutreffen und unspezifischer nicht sein könnten. 

Die Beschäftigung mit Infrastrukturräumen im urbanistischen Kontext muss daher immer auch eine Beschäftigung mit ihren Rändern sein. Mit ihren politisch-technischen Zielen der Versorgung und Erschließung von Raum strukturieren Infrastrukturen diesen nicht gleichmäßig, sondern schaffen Zentralitäten und Nebenschauplätze. Sind die Ränder dieser politisch-technisch konzipierten Raumstrukturen durchlässig und offen - erlauben sie also eine allgemeine Aneignung der Versorgungs- und Erschließungsleistungen – generieren sie öffentliche Räume und aktive Binnenräume.
Durch immer höhere Ansprüche an die Leistungsfähigkeit von Infrastrukturen und die dadurch notwendige größerer Effizienz wurden ihre Dimensionen vervielfacht, Anschlussstellen minimiert und ihre Ränder geschlossen. In diesen undurchlässigen Randbereichen zwischen Infrastrukturräumen und Stadt bzw. Landschaft bedarf es vor allem angesichts der weiterhin steigenden Dichte der Mobilitätsinfrastrukturen viel mehr an Ideen und Konzepten, diese Ränder zu gestalten – eine Aufgabe, der sich vor allem im experimentellen Bereich die entwerfenden Hochschulen stärker annehmen sollten.
Die Betrachtung dieser Räume im Rahmen unserer Forschung und Lehre soll nicht zum Ziel haben, Rezepte für eine Kosmetik dieser Infrastrukturränder zu finden, sondern vielmehr ihre Potenziale als öffentliche Räume zu entwickeln, die eigene ästhetische Ausdrucksformen mit sich bringen. Denn genau an diesen Rändern kann der öffentliche Raum seine vergessenen Potentiale als Raum der Heterogenität entfalten, weil er eine Raumkonzeption, eine Phantasmagorie ist, egal ob als urbaner öffentlicher Raum oder als landschaftlicher öffentlicher Raum, der das Dazwischen-Sein, das Ertragen eines Konfliktes leisten kann und einer zeitgemäßen Urbanität als fragilem Überlagerungszustand Präsenz verschafft. Die Uneindeutigkeit des öffentlichen Raumes zwischen den Polen Mobilität und Lokalität, sein Unvermögen, sich auf eine der beiden Seiten zu schlagen, auch sein Unvermögen, eine Versöhnung oder einen Ausgleich zwischen den beiden Polen herzustellen und den Zustand des Dazwischen-Seins zu verlieren, macht ihn zu einem Modell für den phantasmagorischen Blick auf die ‚urbane’ Stadt.

Vorträge

Panel 1: Informal Infrastruktururbanismus

Prof. Roberto Zancan, Department for History and Theory of Environmental Design, University of Montreal, Dr. Matteo D`Ambros, Assistant professor of urban design at the Faculty of Architecture, IUAV of Venice
“Infrastructure’s marginal spaces and the invention of a prosaic landscape - Visual knowledge and design”
Rahul Paul, MA Landscape Urbanism program, Architectural Association London
“From Object line to Vector field – the social instrument”
Prof. Karen A. Franck, College of Architecture and Design, New Jersey Institute of Technology
“Occupying the Edge and the Underneath: ‘Other’ Urban Public Spaces”
Dipl.-Ing. MSc Maren Harnack, HafenCity Universität Hamburg
Dipl.-Ing. Martin Kohler, HafenCity Universität Hamburg
„Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung der Hochstraßen e.V. – An in practice trial on the aesthetics of the ‘as found’”
Dr.-Ing. Christof Göbel, Universidad Autónoma Metropolitana (UAM) - Azcapotzalco, Mexiko-Stadt 
„Perceptions of the ‘Segundo Pisos’ in Mexico City”
Noah Billig, MLA, MURP, Doctoral Student, Department of Planning and Landscape Architecture, College of Architecture, Arts and Humanities,

Clemson University
“The merging of infrastructure and public open space in a divided Istanbul squatter settlement”
Christian Werthmann, Associate Professor, Program Director in Landscape Architecture, Graduate School of Design, Harvard University 
„Squatting on Infrastructure - the Challenge of Informal Urbanism“

Moderation Panel Discussion:
Cornelia Redeker, Chair for Urban Design and Regional Planning, TU München
 

Panel 2: Infrastruktururbanismus and context

David Peleman, Research assistant, Department of Architecture and Urban Planning, Ghent University 
“The quest for the good road. A plea for a different approach to the  embedding of the road in the public sphere”
Jae Sung Chon, Assistant Professor, Department of Architecture, University Manitoba, Winnipeg
“Road Urbanism: incorporation of ‘roads’ in the works of Team X and Metabolists”
Susannah Drake, Principal and founder of dlandstudio, Brooklyn, New York
“The Gowanus Canal Sponge Park and the Brooklyn Queens Expressway (BQE) Trench Reconnection Study”
Dipl. Arch. HTL Roland Züger, Dozent Projekt „Latente Landschaften“, ZHAW
Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Abteilung

Architektur, Zentrum Urban Landscape
„From Destination to Place -Urbanization of transport infrastructures“ 
Tobias Goevert MA UrbDes Dip Arch, London Development Agency, Design for London
“London’s Royal Docks - Shaping with infrastructure”
Dipl.-Ing. Thorsten Schauz, Stadtidee, Dortmund
„Islands, borders, new land – Infrastructure housing in the Ruhr Region”

Moderation Panel Discussion:
Daniel Czechowski and Andreas Dittrich, Chair for Landscape Architecture and Regional Open Space, TU München

Panel 3: Infrastruktururbanismus and Infrastructural Landscape

Dr. Carlotta Darò, Mellon Postdoctoral Fellow, McGill University, Montreal 
“Wired Landscapes: Infrastructures of Telecommunication and Modern Urban Theories”
Eduardo Rico, Ove Arup & Partners, London
“The role of Infrastructural landscapes within the image of the city”

Dr. Georges Farhat, Associate Professor, Program Director in Landscape Architecture, Ecole nationale supérieure d'architecture de Versailles
"Infrastructural landscape: a working concept for urbanism"
Dipl. Ing. Henrik Sander, orange edge, Stadtforschung - Stadtplanung
„Ruhr Region: Autobahn A40 | B10. Creation of supra-local | trans-local spaces”

Maarten Van Acker, PhD researcher, Research Group

Urbanism and Architecture [OSA], Department of Architecture, Urbanism and Strategic Planning, University of Leuven 
“Re-tracing the Ringscape - Infrastructure as a mode of urban design”
Dr. Panos Mantziaras, Assistant professor, Ecole nationale supérieure d’archiecture Paris-Malaquais
“The inside-outs of a city: the Greater Paris case”
Prof. Arch. Alessandra De Cesaris, DiAr Dipartimento di Architettura, Faculty of Architecture Ludovico Quaroni ‘Sapienza’, University of Rome 
„The Remodelling of GRA - Grande Raccordo Anulare - in Rome“

Moderation Panel Discussion:
Jörg Schröder, Chair for Sustainable Urbanism in Rural Regions, TU München

Publikation

Infrastructural Urbanism - Adressing the In-Between
(Hg.) Thomas Hauck, Regine Keller, Volker Kleinekort

Architektur und öffentlicher Raum werden als die prägenden Gestaltungselemente unserer gebauten Umwelt wahrgenommen – doch welche Bedeutung hat technische Infrastruktur? Als Gestaltungselement spielt sie bislang eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Das Buch diskutiert die Auswirkungen von Infrastrukturen auf Stadträume und deren Rezeption. Die Beiträge internationaler Autoren und die vorgestellten Projekte belegen eindrücklich, dass Infrastruktur als eigene städtebauliche Kategorie verstanden werden muss.

DOM publishers
Band 13 der Reihe Grundlagen
210 x 230 mm, 336 Seiten, über 100 Abbildungen, Softcover
Englische Ausgabe
978-3-86922-131-1
EUR 28,00

Buch bestellen: DOM publishers

Weitere Publikationen zum Thema

Reflexiver Infrastruktururbanismus
Thomas Hauck, Regine Keller, Volker Kleinekort in: Metropole_Metrozonen, IBA Hamburg (Hg.), Jovis Verlag, Berlin 2010

Infrastrukturlandschaften – eine überfällige Debatte
Thomas Hauck, Volker Kleinekort, in Garten+Landschaft 4|2011, Callwey Verlag

Phantasmagorie der Straße
Thomas Hauck, in: Straße als kultureller Aktionsraum, Sandra Maria Geschke (Hg.), VS Verlag, Wiesbaden 2009

Forschungsarbeiten zum Thema